Ganz im Zeichen eines zukunftsweisenden Miteinanders standen am vergangenen Wochenende die Proben der rund 75 Sängerinnen und Sänger, die sich für zwei Tage im Katholisch-Sozialen Institut (KSI) auf dem Michaelsberg in Siegburg einquartiert hatten, um unter der Leitung von Kirchenmusiker Martin Meyer konzentriert an der Johannespassion von Bach zu arbeiten. Denn dieses am Karfreitag 1724 in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführte Oratorium, das der Thomaskantor ehemals für den Gottesdienst geschrieben hatte, steht für den 22. März auf dem Programm des Kirchenchores St. Nikolaus, den zu diesem Projekt bereits zahlreiche Chormitglieder aus Moitzfeld unterstützen.
Da alle Namensschilder trugen und Meyer gleich zu Beginn dazu ermuntert hatte, sich bewusst gegenseitig mit dem Vornamen anzusprechen, um so möglicher Fremdheit zu begegnen, stellte sich selbst bei denen, die noch als „Neuzugänge“ gelten, schnell die Empfindung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit ein: beim Singen, aber auch bei den Mahlzeiten, beim musikalischen Abendlob – einer bewusst meditativen Einheit mit selbstformulierten Fürbitten – und auch dem gemütlichen Teil nach getaner „Arbeit“ am Samstagabend, bei dem Bach dann ausnahmsweise mal außen vor blieb und die Geselligkeit im Vordergrund stand.
Doch vor allem ging es in diesen beiden Tagen darum, mit den Turba-Chören und Chorälen dieses anspruchsvollen Opus vertrauter zu werden, die vielen kniffligen Stellen Ton für Ton systematisch zu üben und die vier Stimmgruppen gerade bei den schnellen Fugen sicher übereinander zu bekommen. Denn sowohl die herausfordernde Chromatik eines „Wäre dieser nicht ein Übeltäter…“ als auch das kompromisslose „Lasst ihn kreuzigen…“ oder „Wir haben ein Gesetz…“ erfordern akribisches Notenstudium und vor allem genaues Hin- und Zuhören, um gegebenenfalls die eigene Intonation zu korrigieren und dabei immer auch das vorgegebene Tempo mit Blick auf den Dirigenten zu berücksichtigen.
„Stellt Euch vor, Ihr selbst stündet als Akteure auf einer Bühne und müsstet überzeugen; als Teil einer aufgebrachten Menschenmenge, die gegen den Verurteilten hetzt und den Tod Jesu fordert.“ Immer wieder versucht Chorleiter Meyer die bewegende Dramaturgie, die auf der Überlieferung des Evangelisten Johannes fußt, in anschaulichen Bildern zu erläutern, um so den Chor zu Ausdrucksstärke, Gestaltungswillen und emotionaler Beteiligung zu motivieren. Mit einer nicht enden wollenden Energie findet er eine Sprache, die zur Höchstleistung animiert und alle mitreißt. Dabei geht es dem 41-Jährigen nicht nur um das grundsätzliche Anliegen, qualitätvolle, gute Musik zu machen, sondern auch zu vermitteln, dass Bach in seinen Passionen zentrale Aussagen des christlichen Glaubens in Klänge übersetzt hat, die nur berühren, wenn sie glaubhaft vorgetragen werden und gefühlsmäßige Anknüpfung ermöglichen. Denn wer eine Bach-Passion singt, bleibt nicht Zuschauer, nicht Unbeteiligter. Und das müsse hörbar werden, meint der Kirchenmusiker. Was Fleiß und Ausdauer erfordert. Denn nur die allerwenigsten haben in der Vergangenheit schon einmal dieses Werk gesungen. Für die meisten ist es neu. Von daher geht es um geduldiges Wiederholen, bis Meyer schließlich abwinkt und Zufriedenheit signalisiert.
Dankbar sei er für dieses intensive Proben, erklärt er am Ende des Probenwochenendes im KSI und blickt dabei in sichtlich entspannte Gesichter: „Und zwar jedem einzelnendass Ihr Euch eingelassen habt: auf Bach, auf mein Anleiten, auf dieses Pensum – und wir etwas wirklich Gutes in Gemeinschaft miteinander zustande gebracht haben“. Er ziehe aus solchen Erfahrungen ganz viel positive Energie für sich und freue sich nun unbändig auf die Feinarbeit in den verbleibenden Tutti-Proben und das finale Zusammenführen aller bisher erzielten Fortschritte mit den Solisten.
Text und Foto – Beatrice Tomasetti


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